Der König kommt

Der heutige Sonntag läutet mit dem Einzug Jesu in Jerusalem (Markus 11,1-11) den Beginn der Karwoche ein. Jesus befindet sich mit seinen Jüngern und gemeinsam mit vielen anderen Menschen auf dem Weg nach Jerusalem. Sie alle wollen am Passafest dort teilnehmen. Die Menge gelangt nach Betfage und Betanien. Dort erteilt Jesus zweien seiner Jünger einen merkwürdigen Auftrag. Er schickt sie voraus und sagt ihnen: „Ihr werdet einen angebundenen Esel finden. Den sollen ihr zu mir bringen.“ Warum benötigt Jesus ausgerechnet jetzt noch einen Esel? Den weiten Weg aus Galiläa ist er fast bis ganz nach Jerusalem gelaufen. Von Nazareth bis Jerusalem waren es etwa 100 km und für die letzten 800 Meter benötigt Jesus jetzt noch ein Reittier? Ich denke, beim Reiten auf dem Esel handelte es sich um eine Zeichenhandlung, mit der Jesus sagen wollte:

“Der König kommt.”

In diesem Licht sind auch die weiteren Anweisungen an die beiden Jünger zu verstehen. Denn Jesus gibt ihnen mit auf den Weg: „Wenn jemand die Rechtmäßigkeit eures Handelns in Frage stellt, dann antwortet: ‚Der Herr bedarf seiner‘.“ Die Jünger tun, wie ihnen geheißen. Sie gehen voraus, sie finden den Esel, sie werden danach gefragt, mit welchem Recht sie sich das Tier borgen wollen, sie antworten mit den Worten, die Jesus ihnen gesagt hat und… man lässt sie gewähren. Ich habe mich schon immer gefragt, warum die Jünger nicht auf mehr Widerstand gestoßen sind. Ich jedenfalls würde meinen Esel nicht einfach wildfremden Menschen überlassen, die auf mein Nachfragen lapidar antworten: „Der Herr bedarf seiner!“ Aber gerade in dem selbstbewussten Auftreten der Jünger kommt ein königlicher Anspruch zum Ausdruck. Der Neutestamentler Rudolf Pesch stellt in Bezug auf diese Stelle heraus, dass Jesus hier vom einem in der ganzen Antike bekannten Königsrecht, der Requisition von Transportmitteln, Gebrauch macht. Der Besitzer des Esels erkennt diesen königlichen Anspruch an, indem er die Jünger gewähren lässt.

Der König kommt!

Aber der Esel, den sich die Jünger borgen, ist nicht irgendein Esel. Es handelt sich um einen Esel, auf dem noch nie ein Mensch gesessen hat. In dieser „Jungfräulichkeit“ verbirgt sich ein weiterer Hinweis auf den König. Es besteht nämlich ein inhaltlicher Bezug zu Sacharja 9,9, wo es heißt:

„Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin.“

Sach 9,9

Jerusalem soll sich freuen über seinen König, der arm auf einem Esel dahergeritten kommt. Darin unterscheidet sich dieser König von den übrigen Herrschern der Welt. Er reitet nämlich nicht auf einem weißen Ross, stark und erhaben, als siegreicher Feldherr in die Stadt. Nein, er wählt den Esel als Reittier und verzichtet damit auf die übliche königliche Machtsymbolik. Dieser König ist auch nicht auf militärische Instrumente zur Durchsetzung seines Machtanspruches angewiesen. Deshalb zerbricht er die Kriegsbogen und verzichtet grundsätzlich auf militärisches Gerät. Die Herrschaft dieses Königs zeichnet sich also durch seine Friedfertigkeit aus. Mit dem Bezug auf Sacharja 9,9 macht Jesus deutlich, dass er allen Erwartungen zum Trotz, nicht in Jerusalem einziehen wird, um die römische Besatzungsmacht gewaltsam aus Jerusalem und dem Land zu vertreiben.

Der König kommt!

Die Menschen, die mit Jesus unterwegs gewesen sind, haben mindestens im Ansatz die feine Symbolik dieses Augenblicks verstanden. Denn sie breiten ihre Kleider auf dem Weg aus, den Jesus gehen wird. Damit handeln sie wie die Menschen, die den König Jehu empfangen haben, nachdem er von Elischa zum König gesalbt worden ist (2. Könige 9,13). Die Menschen haben verstanden, dass in diesem Moment etwas passiert, von dem die Propheten gesprochen haben. Der Messias, der Könige kommt in seine Stadt. Und die Menschen wollten diesem König einen angemessenen Empfang bereiten. Deshalb rufen sie auch begeistert aus: „Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn. Gelobt sei das Reich unseres Vaters David, das das kommt! Hosianna in der Höhe.“ In diesem Ruf steckt die Hoffnung darauf, dass Gott seine Herrschaft auf der Erde aufrichtet, indem er wieder einen König auf dem Thron Davids in Jerusalem einsetzt. Diese Hoffnung richtet sich in diesem Moment auf Jesus und diese Hoffnung wird am Karfreitag auf den ersten Blick zunichte gemacht.

Der König kommt!

– heute zu mir. Und auch ich verbinde immer wieder bestimmte Erwartungen und Hoffnungen mit diesem König Jesus. Ich würde mir wünschen, dass er gerade jetzt in dieser Welt mit seiner Herrlichkeit Einzug hält und all das aus der Welt schafft, worunter wir Menschen leiden. Damit meine ich nicht nur das Corona-Virus, das in diesen Tagen für so viel Not verantwortlich ist. Ich denke z.B. gerade auch an die unzähligen Flüchtlinge, die in der Türkei festsitzen und weder vor noch zurück können. Wäre es nicht schön, wenn ein starker Herrscher mal ordentlich auf den Tisch hauen würde und für Gerechtigkeit sorgen könnte? Aber dieser König Jesus ist anders. Er kommt unscheinbar daher. Deshalb wünsche ich mir gerade auch jetzt in dieser Karwoche etwas von dem feinen Gespür, das die Menschen damals an den Tag gelegt haben, als ihnen bewusst geworden ist: In diesem Jesus ereignet sich etwas Besonderes, etwas, das ich noch nicht vollumfänglich begreifen kann. Und trotzdem will ich mein Vertrauen auf diesen Jesus setzen, selbst dann, wenn er seine Interessen nicht mit Macht und Herrlichkeit durchsetzt, sondern dafür den Weg der Schwachheit und der Schmach wählt.

Gott segne Sie und bleiben Sie behütet.

Ihr Pfarrer Johannes Körner